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Euthanasie in Hadamar

Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in hessischen Anstalten

Eine Ausstellung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen



Zum Thema

Am 13. Januar 1941 wurden die ersten Patienten aus
der Landesheilanstalt Eichberg im Rheingau in Bussen
abtransportiert, um noch am selben Tag ermordet zu
werden. Zielort des Transports war die Anstalt Hadamar
bei Limburg an der Lahn, eine von sechs „Euthanasie“-
Tötungsanstalten des Deutschen Reiches, die aufgrund
eines auf den 1. September 1939 datierten „Erlasses“
Adolf Hitlers in den Jahren 1940/41 eingerichtet wurden.

Im Namen des nationalsozialistischen Rassismus, der
neben Menschen anderer „Rasse“, anderer politischer
oder unerwünschter religiöser Weltanschauungen oder
„abweichender“ Lebensformen, kranke, alte und behinderte
Menschen als „minderwertig“ aus der
„Volksgemeinschaft“ ausgrenzte, wurden infolgedessen
bis zum August 1941 über 70.000 Frauen, Männer und
Kinder durch Gas ermordet. Gegenüber der Bevölkerung
wurde die „Aktion“ (nach dem Sitz der Kommandozentrale
in der Berliner Tiergartenstraße 4 „Aktion T4“ genannt)
geheimgehalten und gezielt durch die Kriegssituation
getarnt. Die Menschen, die aufgrund schematisch
ausgefüllter Meldebögen zur Tötung bestimmt worden
waren, wurden über sogenannte „Zwischenanstalten“ zur
„Euthanasie“-Anstalt gebracht, die den Angehörigen, die
die „Verlegungen“ in der Regel nicht verhindern konnten,
gefälschte „natürliche“ Todesursachen meldete. Eine
Gesetzesgrundlage besaß die „Aktion“ selbst im nationalsozialistischen
Unrechtsstaat nicht.

In Hadamar wurden bis zum offiziellen Ende der „Aktion“
allein 10.072 Patienten und Patientinnen ermordet. Damit
waren jedoch die Verbrechen in Hadamar nicht beendet:
Bis zum Einmarsch der alliierten Truppen im Mai
1945 fanden weitere vier- bis fünftausend Menschen
durch gezielte Medikamentenvergiftung und durch Hunger
den Tod. Darunter befanden sich auch ältere Menschen,
die durch die Bombenangriffe orientierungslos
geworden waren, psychisch erkrankte Soldaten, tuberkulosekranke
ZwangsarbeiterInnen und Kinder mit einem
jüdischen Elternteil, die nicht zuletzt durch die verstärkte
Judenverfolgung ab 1938 in Einrichtungen der
Fürsorgeerziehung eingewiesen worden waren.

Hadamar war nicht die einzige Anstalt im heutigen Bundesland
Hessen, in der Menschen gezielt ermordet wurden:
Zu Beginn des Jahres 1941 wurden in der Landesheilanstalt
Eichberg bei Eltville und in der Heilerziehungsanstalt
Kalmenhof in Idstein im Taunus sogenannte
„Kinderfachabteilungen“ eingerichtet, in denen geistig
oder körperlich behinderte Kleinkinder und Fürsorgezöglinge
durch überdosierte Medikamente von Ärzten und
Pflegepersonal ermordet wurden. Von den über 5.000
Opfern dieser „Kinder-Euthanasie“ fanden wahrscheinlich
etwa tausend in Hessen den Tod. Weitere Erwachsene
wurden nachweislich auf dem Eichberg und im Kalmenhof
umgebracht. Ein Massensterben unvergleichlichen
Ausmaßes kann für die Landesheilanstalt Weilmünster
bei Weilburg konstatiert werden.

Keine der hessischen Fürsorgeeinrichtungen blieb von
der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegenüber
psychisch kranken, behinderten, anders-
„rassigen“, unangepassten oder schlicht „unprofitablen“
Menschen unberührt:

  • Angeblich erbkranke Menschen wurden seit 1934 in
    großer Zahl zwangssterilisiert,

  • die kirchlichen Einrichtungen wurden in den Jahren
    1936 bis 1939 aufgelöst, staatlicher Direktive unterstellt
    oder zumindest einer großen Zahl ihrer Pfleglinge
    beraubt,

  • der Abtransport aller jüdischer Anstaltsinsassen erfolgte
    in den Jahren 1940/41. Sie wurden an unbekanntem
    Ort ermordet,

  • die Vernichtung der forensischen Patienten schließlich
    wurde in den letzten Kriegsjahren durch die Einweisung
    in Konzentrationslager vorgenommen,

  • in den Anstalten wurden die Verpflegungssätze immer
    stärker gesenkt, das Personal wurde soweit reduziert,
    dass von einer Pflege kaum mehr die Rede sein konnte.
    Vor allem seit Kriegsbeginn wurden die in den Anstalten
    verbliebenen Menschen auf immer engerem
    Raum zusammengepfercht und starben durch Hunger,
    Infektionskrankheiten und allgemeine Unterversorgung
    in weit größerer Zahl und weit früher als in den
    vorhergehenden Jahren. Ihren Platz nahm die deutsche
    Wehrmacht zur Unterbringung verwundeter Soldaten
    und Kriegsgefangener in Anspruch.


Die „Euthanasie“-Prozesse der Nachkriegszeit führten
nur teilweise zur Verurteilung der Schuldigen. Viele lebten
und arbeiteten weiter, als sei nichts geschehen. Die
geringste Beachtung genossen lange Zeit die Betroffenen,
die den Rassenwahn oft mit schweren körperlichen
und seelischen Schäden überlebt hatten. Erst seit wenigen
Jahren erweckt ihr Schicksal breitere Aufmerksamkeit
und erfährt zumindest in materieller Hinsicht heute
eine erste Wiedergutmachung.
Die Ausstellung „Euthanasie in Hadamar“ ist 50 Jahre
nach den Gasmorden im hessischen Hadamar den Opfern
des NS-Rassismus im Bereich der Fürsorge gewidmet.
Gezeigt werden soll dabei nicht nur ein Stück Geschichte,
das in unsere Gegenwart hineinreicht; Anliegen
ist es zugleich, im Umgang mit anderen Menschen
zu sensibilisieren, für mehr Toleranz einzutreten und
einen Anstoß zum kritischen Überdenken heutigen gesellschaftlichen
wie persönlichen Handelns und Verhaltens
zu geben.


Zur Ausstellung

Die Ausstellung versucht das Geschehen in den hessischen
Fürsorgeeinrichtungen in den Jahren von 1933 bis
1945 unter Hinweis auf die Vielzahl der Aspekte der
nationalsozialistischen Vernichtungspolitik deutlich zu
machen. Der Schwerpunkt liegt dabei bei den Einrichtungen,
deren Träger heute der Landeswohlfahrtsverband
Hessen ist und die als damals dem Staat unterstellte
Anstalten Zentren der Vernichtung waren.
Die ermordeten oder in ihrer menschlichen Würde
schwer verletzten Menschen können wir heute nur selten
in ihrer Gesamtpersönlichkeit wahrnehmen und darstellen.
Ihre Geschichte ist in Verwaltungsakten festgehalten,
die sie als „Fall“ erscheinen lassen: Als
„Geisteskranke“, als „Fürsorgezöglinge“, als „Krüppel“
oder als „Arbeitsscheue“. Auch diese Ausstellung zeigt
solche Dokumente, die in erschreckender Weise deutlich
machen, wie „alltäglich“ z. B. die Verlegung von Pfleglingen
zur Ermordung nach Hadamar bis auf den Pfennig
genau berechnet wurde. Auf den ersten Blick wird mehr
über die an der Vernichtungspolitik Beteiligten als über
die Opfer sichtbar. Dieser Blick der „Verwalter“ sollte
deshalb bei der Betrachtung der Ausstellung durchaus
gegenwärtig sein. Seine Wahrnehmung ermöglicht erst
die Frage nach der dahinterstehenden Wirklichkeit, deren
Schrecken wir nur ahnen und noch weniger begreifen können.


Gliederung der Ausstellung


  • Das Geschehen
    Der „Euthanasie“-Mord in Hadamar
    Die Kindermorde auf dem Eichberg und im
    Kalmenhof
    Zwangssterilisation, weitere Morde und Massensterben

  • Hintergründe
    Der Rassismus: „Ausmerze der Minderwertigen“
    Die Sparprogramme: Nützlichkeit vor
    Menschlichkeit
    Die totale Erfassung
    Der zweite Weltkrieg: Die Militarisierung
    der Gesellschaft

  • Akteure, Beteiligte, Zeugen und Helfer
    Politik und Verwaltung
    Forschung und Wissenschaft
    Die Kirchen
    Die Bevölkerung, Angehörige und Freunde

  • Die Betroffenen
    Epileptiker, psychisch Kranke und geistig Behinderte
    Kinder und Jugendliche in Sonderschulen und
    Fürsorgeheimen
    Juden und Jüdinnen, halbjüdische Kinder
    Nichtsesshafte, Asoziale, Alkoholiker und
    Prostituierte
    Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen
    Soldaten, Bombenopfer, alte Menschen

  • Verarbeitung
    Die Prozesse
    Unwissen und Verdrängung
    Anerkennung der Opfer, Aufarbeiten und Gedenken



Auskunft und Beratung
Telefon: (0561) 1004 - 2277 oder 2606 (vormittags)
Telefax: (0561) 1004 - 2650
E-Mail: kontakt-archiv@lwv-hessen.de
Ausstellungsleitung: Prof. Dr. Christina Vanja


Die Ausstellung ist ausleihbar!

Eintritt ist frei!



Impressum
Herausgeber: Landeswohlfahrtsverband Hessen
Fachbereich 103 -
Allgemeine Verwaltung
Ständeplatz 6-10, 34117 Kassel
Fotos: dpa
Hessisches Hauptstaatsarchiv
Wiesbaden
Stadtarchiv Hadamar
Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes
Hessen
Gestaltung: Fachbereich 103 -
Allgemeine Verwaltung
Druck: LWV Hausdruckerei
Auflage: 4. Auflage - November 2008